Eine kleine Rente. Eine Mieterhöhung. Der Tod des Partners. Eine Wohnung im dritten Stock, die wegen der Treppen nicht mehr erreichbar ist. Manchmal braucht es im Alter nicht viel, damit aus einem geregelten Leben eine existenzielle Notlage wird.
Wer seine Wohnung mit 65 verliert, fängt nicht einfach noch einmal von vorn an. Die Rente wird nicht plötzlich höher. Die Gesundheit wird nicht besser. Und auf dem angespannten Wohnungsmarkt zählt Lebenserfahrung wenig, wenn Einkommen, Schufa oder eine Mietbürgschaft fehlen.
Einmal draußen, lange draußen
Fast ein Viertel der akut wohnungslosen Menschen in Deutschland ist inzwischen mindestens 50 Jahre alt. Unter den Betroffenen über 60 Jahren ist nahezu jeder Fünfte bereits seit mehr als fünf Jahren wohnungslos. Bei den 25- bis 49-Jährigen trifft das nur auf sieben Prozent zu.
Das zeigt der aktuelle Statistikbericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die oft ihr ganzes Leben gearbeitet, Angehörige gepflegt, Kinder großgezogen und Miete gezahlt haben. Dann reicht die Rente nicht mehr. Eine Krankheit kommt hinzu. Eine Beziehung zerbricht. Die Wohnung wird gekündigt. Und plötzlich wird aus einem Zuhause eine Erinnerung.
Wohnungslos heißt nicht immer Straße
Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit sind nicht dasselbe. Wohnungslos ist, wer keinen eigenen, vertraglich abgesicherten Wohnraum hat. Viele Betroffene schlafen bei Bekannten, Verwandten oder wechselnden Partnern. Andere leben in Notunterkünften, Wohnheimen, Hotels oder betreuten Einrichtungen. Obdachlos sind Menschen, die gar keine Unterkunft haben und auf der Straße oder an anderen ungeschützten Orten übernachten.
Doch auch ein Sofa ist kein Zuhause. Eine Notunterkunft ist keine eigene Wohnung. Und wer morgens seine Sachen zusammenpacken und eine Übernachtungsstelle verlassen muss, hat zwar für einige Stunden ein Dach über dem Kopf – aber noch lange keinen sicheren Ort zum Leben.
Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren Mitte 2024 rund 760.000 Menschen in Deutschland ohne eigene Wohnung. Im Verlauf des gesamten Jahres waren mehr als eine Million Menschen zumindest zeitweise betroffen.
Auf der Straße beginnt das Alter früher
In der Wohnungslosenhilfe gelten Menschen teilweise bereits ab 50 Jahren als älter. Das klingt zunächst merkwürdig. Wer aber jahrelang auf der Straße, in schlechten Unterkünften oder in ständiger Unsicherheit lebt, altert schneller.
Kälte, schlechte Ernährung, unbehandelte Krankheiten und fehlende Erholung hinterlassen Spuren. Chronische Wunden, Infektionen, Suchterkrankungen, Leberprobleme, schlechte Zähne und psychische Belastungen gehören für viele zum Alltag. Hinzu kommen Erkrankungen, die in einer eigenen Wohnung behandelbar wären, auf der Straße aber immer wieder eskalieren.
Wer keinen festen Schlafplatz hat, kann sich kaum von einer Operation erholen. Wer nicht weiß, wo er am Abend bleibt, denkt nicht zuerst an Vorsorgeuntersuchungen. Und wer ständig weggeschickt wird, verliert irgendwann das Vertrauen, überhaupt noch irgendwo willkommen zu sein.
Ältere wohnungslose Menschen brauchen deshalb nicht nur irgendeinen Schlafplatz. Sie brauchen erreichbare medizinische Versorgung, Pflegeangebote, barrierefreie Unterkünfte und im letzten Lebensabschnitt auch würdige Hospizplätze.
Unsichtbar und allein
Viele ältere Menschen geraten erst spät im Leben in Wohnungsnot. Für sie ist das Hilfesystem fremd. Manche wissen nicht, wohin sie sich wenden können. Andere schämen sich, nach Jahrzehnten der Selbstständigkeit erstmals um Unterstützung bitten zu müssen.
Diese Scham macht Menschen unsichtbar. Sie tauchen in keiner Beratungsstelle und damit oft auch in keiner Statistik auf.
Fast ein Viertel der älteren Wohnungslosen hat überhaupt keine sozialen Kontakte mehr. Keine Familie, die vorübergehend ein Zimmer anbietet. Keine Bekannte, die bei einem Antrag hilft. Niemanden, der auf einem Wohnungsportal sucht oder von einer frei werdenden Wohnung erzählt.
Gleichzeitig werden Hilfen immer digitaler. Termine, Anträge und Wohnungsangebote finden sich im Internet. Wer kein Smartphone besitzt, keinen Zugang zu E-Mails hat oder digitale Formulare nicht versteht, bleibt schnell außen vor. Nicht, weil es an Bereitschaft fehlt. Sondern weil ein System voraussetzt, was viele Betroffene nicht haben.
Sparen an der Hilfe verschärft die Not
Während die Zahl der Betroffenen steigt, geraten Beratungsstellen, Tagesaufenthalte und andere soziale Angebote zunehmend unter finanziellen Druck. Öffnungszeiten werden verkürzt, Wartezeiten länger und Wege weiter.
Für jemanden mit Wohnung ist ein Termin in drei Wochen ärgerlich. Für jemanden ohne Wohnung können drei Wochen bedeuten: drei Wochen ohne Postadresse, ohne Medikamente, ohne Leistungsbescheid und ohne sicheren Schlafplatz.
Auch Kürzungen beim Wohngeld treffen ältere Menschen besonders hart. Mehr als die Hälfte der Anträge wird von Menschen im Rentenalter gestellt. Wer hier spart, verhindert nicht die Kosten. Er verschiebt sie nur – in Notunterkünfte, Krankenhäuser und andere Hilfesysteme. Vor allem aber verschiebt er sie auf Menschen, die kaum noch Kraft haben, sich zu wehren.
Unsere Haltung als StiDU
Wir von StiDU setzen uns in Hannover für obdachlose und ehemals obdachlose Menschen ein. Für uns ist klar: Wohnungslosigkeit im Alter ist kein persönliches Versagen. Sie ist die Folge eines Wohnungsmarktes, auf dem kleine Renten, gesundheitliche Einschränkungen und eine schlechte Bonität kaum eine Chance haben.
Hannover braucht mehr bezahlbare und barrierefreie Wohnungen. Es braucht Hilfen, bevor eine Wohnung verloren geht. Beratungsangebote müssen persönlich erreichbar bleiben – ohne Smartphone, ohne Drucker und ohne digitale Vorkenntnisse. Und wer bereits auf der Straße lebt, braucht medizinische Versorgung, Pflege und einen Ort, an dem er bleiben darf.
Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht in Sonntagsreden. Sondern darin, wie sie mit Menschen umgeht, die alt, krank und arm geworden sind.
Niemand sollte seinen Lebensabend auf einem fremden Sofa, in einer Notunterkunft oder auf der Straße verbringen müssen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Offenbar muss man sie trotzdem immer wieder aussprechen.