Der HAZ-Artikel „Wir kommen an unsere Grenzen“ beschreibt die seit Jahren angespannte Situation am Engelbosteler Damm in Hannovers Nordstadt. Anwohner, Geschäftsleute und die Christuskirchengemeinde berichten von massiven Belastungen durch einzelne obdachlose Menschen: Vermüllung, Verwahrlosung, aggressives Verhalten. Besonders problematisch ist die Nutzung des Kirchenportals als Schlaf- und Aufenthaltsort, der zugleich ein Zugang für Kinder und Jugendliche ist. Die Stadtverwaltung verweist auf eine verbesserte Lage durch mehr Kontrollen und abgestimmte Einsätze von Polizei und Ordnungsdiensten, räumt aber gleichzeitig ein, dass es in der Nordstadt weiterhin an regelmäßiger Straßensozialarbeit fehlt. Ein nachhaltiges Gesamtkonzept ist bislang nicht erkennbar.
(Quelle: HAZ)
Kommentar
Wichtig ist, diesen Bericht als Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung zu verstehen. „Einordnung in Auseinandersetzung mit der Berichterstattung der HAZ“ heißt: Der Artikel zeigt eine Perspektive – vor allem die der Belasteten – blendet aber strukturelle Zusammenhänge weitgehend aus. Genau diese müssen ergänzt werden, wenn man die Situation wirklich verstehen und verändern will.
Probleme verschwinden nicht, nur weil man Menschen weiterschickt oder verdrängt. Das zeigt auch die Erfahrung vom Raschplatz sehr deutlich. Dort wurden Aufenthaltsorte aufgelöst, Kontrollen verstärkt und Menschen konsequent verdrängt. Das Ergebnis: Die Situation war nicht gelöst, sondern verlagerte sich. Die Betroffenen tauchten an anderen Orten der Stadt wieder auf – in Wohnquartieren, an Kirchen, in Parks oder an Haltestellen. Der Konflikt wanderte, nicht das Problem.
Was wir also sehen, ist kein „Ort mit zu vielen Obdachlosen“, sondern ein System mit zu wenig Antworten. Wenn Menschen mit schweren sozialen und gesundheitlichen Problemen keinen stabilen Zugang zu Hilfe haben, suchen sie sich notgedrungen Orte, an denen sie bleiben können. Dass das für Anwohner schwer auszuhalten ist, steht außer Frage. Aber reine Ordnungsmaßnahmen erzeugen keine Entlastung auf Dauer.
Notwendig wären langfristige Lösungen: kontinuierliche aufsuchende Sozialarbeit, erreichbare und akzeptierte Aufenthaltsorte, ausreichende Suchthilfe und vor allem bezahlbarer Wohnraum. Ohne diese Bausteine bleibt jede Diskussion über Aufenthaltsverbote oder Verdrängung reine Symptombekämpfung.
Der Engelbosteler Damm ist damit kein Einzelfall, sondern ein Spiegel größerer gesellschaftlicher Versäumnisse. Wer das ausblendet, riskiert, dieselben Debatten in immer neuen Straßen der Stadt erneut führen zu müssen.