Gewalt gegen obdachlose Menschen nimmt dramatisch zu

Gewalt gegen obdachlose Menschen nimmt dramatisch zDie Zahl der Straftaten gegen obdachlose und wohnungslose Menschen in Deutschland ist im Jahr 2025 deutlich gestiegen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden im vergangenen Jahr 2.563 Straftaten gegen wohnungslose Menschen registriert – fast 17 Prozent mehr als in den beiden Vorjahren, in denen jeweils knapp 2.200 Fälle erfasst wurden. Die Zahlen gehen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Bundestag hervor und wurden unter anderem von der Rheinischen Post veröffentlicht.

Besonders betroffen sind die Bundesländer Berlin mit 592 Fällen, Bayern mit 492 Fällen und Nordrhein-Westfalen mit 310 Fällen. Die meisten Opfer sind Männer: Mehr als 2.000 Straftaten richteten sich gegen obdachlose Männer, rund 500 gegen Frauen. Dabei handelt es sich nicht nur um Beleidigungen oder Sachbeschädigungen, sondern auch um Körperverletzungen, Raubdelikte und andere Formen schwerer Gewalt.

Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft

Menschen, die auf der Straße leben, gehören zu den verletzlichsten Gruppen unserer Gesellschaft. Sie verbringen einen Großteil ihres Lebens im öffentlichen Raum und sind dadurch besonders häufig Anfeindungen, Übergriffen und Gewalt ausgesetzt. Viele Betroffene berichten von Beschimpfungen, Tritten im Vorbeigehen, dem Diebstahl persönlicher Gegenstände oder sogar gezielten Angriffen während sie schlafen.

Hilfsorganisationen wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), die Diakonie Deutschland und die Caritas weisen seit Jahren darauf hin, dass Gewalt gegen wohnungslose Menschen ein ernstes gesellschaftliches Problem darstellt. Nach Einschätzung vieler Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter werden obdachlose Menschen häufig entmenschlicht und als störend wahrgenommen. Diese Vorurteile können dazu beitragen, dass Gewalt gegen sie von Teilen der Gesellschaft verharmlost oder ignoriert wird.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen

Die offiziellen Zahlen bilden vermutlich nur einen Teil der tatsächlichen Gewalt ab. Viele Betroffene erstatten keine Anzeige. Gründe dafür sind unter anderem Angst vor den Tätern, mangelndes Vertrauen in Behörden, psychische Belastungen oder die Sorge, nicht ernst genommen zu werden.

Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Übergriffe deutlich höher liegt als die polizeilich erfassten Fälle. Hinzu kommt, dass nicht jede Straftat eindeutig als gegen wohnungslose Menschen gerichtete Tat registriert wird. Dadurch entsteht eine erhebliche Dunkelziffer.

Die Bundestagsabgeordnete Sahra Mirow sprach gegenüber der Rheinischen Post von einer „beispiellosen Gewalteskalation gegen wohnungslose Menschen“ und betonte, dass die offiziellen Zahlen lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen könnten.

Niedrigere Aufklärungsquote als im Bundesdurchschnitt

Besorgniserregend ist auch die vergleichsweise niedrige Aufklärungsquote. Während bundesweit 77,5 Prozent aller Straftaten aufgeklärt werden, liegt die Quote bei Gewaltverbrechen gegen obdachlose Menschen lediglich bei 66,5 Prozent.

Für die Betroffenen bedeutet dies häufig, dass Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden. Da viele obdachlose Menschen keinen festen Wohnsitz haben oder sich häufig an unterschiedlichen Orten aufhalten, gestaltet sich die Ermittlungsarbeit oftmals schwieriger. Gleichzeitig fehlt es vielen Opfern an rechtlicher Unterstützung und Begleitung während eines Strafverfahrens.

Wohnungslosigkeit nimmt in Deutschland zu

Die steigende Gewalt gegen obdachlose Menschen fällt in eine Zeit, in der die Zahl wohnungsloser Menschen insgesamt wächst. Laut dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung und Angaben des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen leben in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen ohne eigene Wohnung. Viele sind in Notunterkünften, Gemeinschaftsunterkünften oder bei Freunden und Bekannten untergebracht. Ein Teil lebt dauerhaft auf der Straße.

Steigende Mieten, Wohnungsmangel in Ballungsräumen, Armut, psychische Erkrankungen und soziale Krisen tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Fachverbände fordern deshalb seit Jahren mehr bezahlbaren Wohnraum, bessere Präventionsmaßnahmen gegen Wohnungsverlust und einen leichteren Zugang zu Hilfsangeboten.

Mehr Schutz und Aufmerksamkeit notwendig

Experten sind sich weitgehend einig, dass obdachlose Menschen besser geschützt werden müssen. Dazu gehören ausreichend Notunterkünfte, sichere Schlafplätze, niedrigschwellige Beratungsangebote sowie eine konsequente Strafverfolgung bei Übergriffen. Ebenso wichtig ist die gesellschaftliche Sensibilisierung für die Lebensrealität wohnungsloser Menschen.

Jeder Mensch hat das Recht auf Sicherheit, Würde und körperliche Unversehrtheit – unabhängig davon, ob er eine Wohnung besitzt oder nicht. Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass Gewalt gegen obdachlose Menschen kein Randphänomen ist, sondern ein ernstes gesellschaftliches Problem darstellt.

Die steigenden Fallzahlen sollten deshalb ein Weckruf für Politik, Behörden und Gesellschaft sein. Wegsehen ist keine Lösung. Es braucht mehr Aufmerksamkeit, mehr Solidarität und konkrete Maßnahmen, um diejenigen zu schützen, die ohnehin zu den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft gehören.

Quellen

Statistisches Bundesamt (Destatis) – Daten zur Wohnungslosigkeit in Deutschland

Bundesinnenministerium (Antwort auf eine Kleine Anfrage im Deutschen Bundestag)

Rheinische Post, Berichterstattung zu Straftaten gegen obdachlose Menschen

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) – www.bagw.de

Diakonie Deutschland – www.diakonie.de

Caritas Deutschland – www.caritas.de

Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen – Wohnungslosenbericht der Bundesregierung